Interview mit Sebastian Brück

14 Dezember 2011

© Sebastian Brück

Sebastian Brück über sich selber
Ich lebe in Düsseldorf und bin freier Autor, der sowohl journalistisch, als auch literarisch schreibt. Außerdem habe ich schon einige Bücher als Ghostwriter oder Co-Autor herausgebracht. Die ersten literarischen Versuche habe ich mit ca. 25 Jahren gestartet, also durchaus später als viele andere, die sehr früh anfangen damit... Wahrscheinlich habe ich gezögert, weil man bei literarischen Texten automatisch einen Teil von sich selbst preisgibt, selbst wenn sie nicht autobiographisch sind. Diese Vorstellung war mir mit Anfang zwanzig noch unangenehm. Die ersten Texte waren eher Fingerübungen. Kurzgeschichten oder begonnene Romane, die zwar eine gute Grundidee hatten, aber trotzdem nicht funktioniert haben. Weil die Texte einfach schlecht waren am Anfang. Schreiben ist eben zum Teil auch ein Handwerk, das man lernen muss. 

Alexandra 
Als Ghostwriter und Co-Auto hast du wie schon erwähnt Bücher geschrieben, welche Bücher waren das denn? 

Sebastian Brück 
Bei den Ghostwriter-Büchern darf ich das nicht sagen, aber es geht bei solchen Projekten meist um die Lebensgeschichte(n) von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, die entweder nicht so gut schreiben können oder keine Zeit dazu haben. Ich habe aber auch Bücher gemacht, wo ich als Co-Autor mit erwähnt werde. Zum Beispiel einen Ratgeber aus dem Gesundheitsbereich. Oder, ganz aktuell, das Buch „Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland“, das gemeinsam mit dem Düsseldorfer Radiomoderator und Musiker Danko Rabrenovic entstanden ist in Kürze in erweiterter Neu-Auflage sowie als Hörbuch bei Tag&Nacht bzw. Random House Audio erscheint. 

Alexandra 
Was hat dich denn dazu bewogen es jetzt doch noch mal zu versuchen und selber ein Buch zu schreiben, anstatt es für andere zu tun? 

Sebastian Brück 
Die Idee trage ich ständig im Hinterkopf, aber bisher war die Zeit einfach nicht da, einen Roman wirklich zu Ende zu schreiben. Mittlerweile sind die Texte jedenfalls viel besser als am Anfang ;) Und ich hatte auch noch einige Kurzgeschichten vorliegen, die schon fertig waren. Eine, "Sofia auf dem Sand" ist aus Anlass eines Schreibwettbewerbs der Tageszeitung „taz“ entstanden und schon in der dazugehörigen Anthologie "Strandgeschichten" auf Papier erschienen. Eine andere ("Suchen unter Buchen") beim Netzmagazin Zuender unter dem Dach von Zeit Online. Ich habe diese beiden und noch zwei andere Storys vor einigen Jahren zwei Verlagen angeboten. Mit positiver Resonanz - und gleichzeitig mit der Ansage: Melden Sie sich, wenn Sie einen Roman vorliegen haben! Danach hatte ich keine Lust und Zeit mehr für einen Manuskript-Verschicken-Marathon. Den Roman werde ich noch schreiben, aber als die Möglichkeit kam, über kdp bei Amazon unkompliziert eBooks zu veröffentlichen, und ich gemerkte habe, dass da auch einige professionelle Autoren mitmischen, habe ich spontan entschieden: 

Das mache ich auch! 

Warum sollte ich die Kurzgeschichten auf der Festplatte alt werden lassen? Sie würden in Papierform frühestens nach einer erfolgreichen Roman-VÖ als Teil eines Erzählbandes auf den Markt kommen. Wobei ein eBook natürlich auch eine Art Experiment ist... Schließlich ist der Markt dafür bei uns noch sehr klein. Während zum Beispiel in den USA fast jeder Fünfte einen eBook-Reader hat. 

Alexandra 
Wie du schon gesagt hast ist der Erzählband als eBook neu auf amazon.de erhältlich. Es enthält 4 Kurzgeschichten und ist 42 Normseiten dünn. Was erhoffst du dir selbst von diesem Experiment? 

Sebastian Brück 
Ich freue mich über jeden Leser - ob das nun 100 sind oder 1000, ist im Endeffekt egal... Wobei mir 1000 natürlich lieber wären ;) Für mich ist das auch insofern spannend, als dass ich intensiv verfolge, wie sich der eBook-Markt entwickelt. Kann man als durchschnittlich vernetzter Autor überhaupt Aufmerksamkeit für so ein Projekt bekommen? Werden allgemein immer mehr Leute eBooks kaufen? Ab wann wird auch die "seriöse Presse" eBooks ernst nehmen und rezensieren? Wann schreiben Spiegel, Stern und Focus auf ihren Titelseiten über die „Digitale Buch-Revolution“? Spannende Fragen... 

Alexandra 
Wie stehst du selber zum Thema eBook? 

Sebastian Brück 
Ich war da immer sehr skeptisch! Weil ich ein großer Freund des "Papierbuchs" bin und eBooks fast schon als eine Bedrohung gesehen habe. 

Mittlerweile denke ich, dass eBooks und Papierbücher Freunde werden können. In dem Sinne, dass sie sich ergänzen aber nicht gegenseitig ausschließen... 

Zudem möchte ich die These aufstellen, dass eBooks gerade der kurzen Erzählform zu neuem Aufschwung verhelfen könnten. Bei den Papierverlagen werden Kurzgeschichten ja eher stiefmütterlich behandelt. Klar, es gibt zwischendurch mal Bestseller wie „Sommerhaus später“ von Judith Hermann oder die Bücher von Ferdinand von Schirach. Aber das sind Ausnahmen. Ich höre jedenfalls immer wieder, dass Kindle-Nutzer besonders gerne kurze Geschichten lesen. Weil das auf dem Reader einfach praktischer ist als ein 800-Seiten-Wälzer. Bei dicken Büchern und langen Geschichten haben Papierbücher nämlich immer noch den Vorteil, dass man viel schneller zurück- und hin- und her blättern kann. Bei kürzeren Texten ist das auch auf einem eBook-Reader kein Problem. Es gibt Leser, die sich meine Geschichten mit Hilfe der kindle-App auf dem iPhone in der Straßenbahn zu Gemüte geführt haben. Mit einem langen Text würde das nicht so einfach funktionieren... 

Ganz abgesehen davon: Stell dir vor, ein Bestseller-Autor haut zwischen zwei großen Romanen einfach mal zwei kurze Geschichten als eBook raus! Also fast wie früher eine Musik-Single, mit A- und B-Seite ;) 

Das sind ganz neue Möglichkeiten, und ich bin absolut sicher, dass sie unser Leseverhalten viel stärker verändern werden, als wir uns das jetzt vorstellen können. 

Alexandra 
Kann ich verstehen, bis vor kurzem war ich ja auch jemand von denen, die sagten: "Nie eBooks, das kommt mir nicht ins Haus". Doch inzwischen denke ich da anders. Aber wie du sagst, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie man dieses neue Medium verwenden kann. Und schließlich gibt es auch immer mehr Autoren, die gleich mit eBooks einsteigen. Also kann man dein "Experiment" auch als eine Art Aussöhnung verstehen? 

Sebastian Brück 
Durchaus. Ich habe mir im Dezember den Kindle zugelegt, lese aber parallel weiter "normale" Bücher. Und ich glaube, dass bei mir der Papieranteil noch für längere Zeit der größere bleiben wird. Das liegt aber auch daran, dass ich die eBook-Versionen der Print-Verlage noch unverhältnismäßig teuer finde ... Da haben kdp-Bücher natürlich preisliche Vorteile... Außerdem erscheinen ja noch lange nicht alle Print-Bücher als eBook-Version. In zehn Jahren wird es sicher genau andersherum sein: Da werden die meisten Bücher als eBook erscheinen, und nur die besonders erfolgreichen unter ihnen auch als Papierbuch. 

Alexandra 
Im Februar erscheint dein Buch "Der Balkanizer", in Paperback und als Hörbuch, warum bringst du dieses nicht auch als eBook raus? 

Sebastian Brück 
Weil ich die Rechte nicht habe ;) Ich glaube aber, der Verlag plant auch eine eBook-Ausgabe... 

Alexandra 
Preise deine beiden Projekte mit einem Satz an... 

Sebastian Brück 
Uff! Tja, so was ist spontan gar nicht so einfach. Ich versuch`s mal... 

Das Buch "Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland" erzählt auf sehr humorvolle Art und Weise die wahre Migrationsgeschichte des Radiomoderators und Musikers Danko Rabrenovic und ist auch für diejenigen interessant, die sich bisher nicht mit dem Balkan und dem Thema „Migration“ auseinandergesetzt haben. Einfach mal die Balkanizer-Clips auf Youtube anschauen, dann hat man einen Eindruck! 

Die Storysammlung "Sofia auf dem Sand" vereint vier schräge, schöne, lustige, melancholische und in jedem Fall unterhaltsame Erzählungen, die sich leicht und schnell konsumieren lassen und trotzdem nicht nach Fastfood schmecken. 

Alexandra 
Wird es noch mehr von dir zu lesen geben? Ist schon was neues in Arbeit? 

Sebastian Brück 
Da ich auch Geld verdienen muss, sind erst Mal noch 1-2 Co-Autor-Projekte in Arbeit. Für eines habe ich gerade einen Vertrag abgeschlossen. Es wird in September in einem großen Verlag erscheinen, ich darf noch nicht sagen, worum es geht. Ist aber eher aus dem Ratgeber-Bereich. Danach habe ich hoffentlich Zeit, weiter an meinen Roman zu schreiben. Überspitzt gesagt: Wäre ich Anfang zwanzig, weiblich und hätte irgend eine schräge, talkshowträchtige Biographie (Drogensucht, obdachlos etc.), würden die Chancen, einen Print-Verlag zu finden, immens steigen. Will sagen: Der Buchmarkt veröffentlicht selbstverständlich nicht immer die besten Bücher, sondern die, für die man am besten Aufmerksamkeit erzeugen kann, um sie zu vermarkten. Sehr gut laufen besonders Promi-Bücher für "Nichtleser", zum Beispiel Biographien von Bushido oder der Katzenberger. Vielleicht bringen eBooks ja wirklich eine „Demokratisierung“ des Buchmarkts und eröffnen neue Chancen für ambitionierte Projekte, die sonst mangels hoher Verkaufsaussichten auf der Strecke bleiben. 

Noch etwas: Ich habe ja eben einen Vergleich zum Jargon der Musikwelt gezogen und von einer „Story-Single“ gesprochen. Demnach handelt es sich bei meinem Erzählband „Sofia auf dem Sand“ um eine "Story-EP". Darf ich an dieser Stell noch kurz darauf hinweisen, dass es im März je zwei der Geschichten, die ich auch auf Spanisch und Englisch habe übersetzen lassen, als "Single" zu kaufen gibt? Und zwar im spanischen sowie im britischen / amerikanischen Amazon Kindle store. Wenn du oder deine Blog-Leser also spanisch- oder englischsprachige Freunde haben ... ;) 

Alexandra 
Über was möchtest du ganz sicher mal einen Roman schreiben? Also welches Thema würde dir ganz fest am Herzen liegen? 

Sebastian Brück 
Ich habe das Thema meines ersten Romans sehr genau vor Augen, möchte aber hier nicht zu viel verraten. Ich werde einen Teil der Lebensgeschichte meines Ur-Ur-Ur-Großvaters verarbeiten. Der musste im Jahr 1808 nach der Besetzung des Rheinlandes durch Napoleon französischer Soldat werden und kämpfte in Spanien mit den Franzosen gegen Engländer und Spanier. Es wird allerdings alles anderes als ein historischer Roman werden. Sondern eine Geschichte, die in der Jetztzeit spielt - in Deutschland und Spanien. Und die noch ein anderes großes Thema aufgreift, das viele Menschen berührt, das ich aber auch noch für mich behalten möchte. 

Alexandra 
Und worüber willst du nie schreiben? Gibt es Themen von denen du die Finger lassen willst? 

Sebastian Brück 
Ich habe als Teenager sehr gerne Fantasy- und Horror-Romane gelesen. Von den John Sinclair-Heftchen über Wolfgang Hohlbein bis hin zu Stephen King. So etwas könnte ich selbst nie schreiben. Einfach, weil ich mich als Schreiber nur in Geschichten wohlfühle, die näher am „echten Leben“ dran sind. Was übrigens in keiner Weise die Genres „Horror“ und „Fantasy“ abwerten soll… 

Alexandra 
Möchtest du noch ein Statement los werden? Oder liegt dir eine Frage auf der Zunge, die du an die Leser des Blogs stellen möchtest? Oder hast du ein Anliegen, das dir wichtig ist? 

Sebastian Brück 
Mich würde interessieren, wie du bzw. deine Blog-Leser zu kurzen Erzählungen stehen: Lest ihr so etwas? Oder eher nicht? Glaubt Ihr, dass die Verlage kurze Erzählungen zu Recht als schwerer verkäuflich ansehen? Oder könnte es sich eher um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung handeln? Schließlich könnten sich Kurzgeschichten nur verkaufen, wenn sie auch veröffentlicht werden... 

Alexandra 
Gerne beantworte ich dir jetzt deine Frage... Ja, ich hab schon 3 Bücher mit Kurzgeschichten gelesen. Aber ich muss gestehen, Kurzgeschichten sind nicht so mein Fall. Warum? nun, ich liebe es wenn Geschichten lange dauern, ich liebe Bücher je dicker sie sind. Und wenn ich mich mit Kurzgeschichten einlasse bin ich meist eher enttäuscht, denn das Ende ist viel zu schnell da und ist für mich mit einem Koitus interuptus zu vergleichen. Und ja, ich denke die Verlage haben sicher recht wenn sie finden das sie schwieriger an den Mann oder Frau zu bringen sind. 

Sebastian, ich danke dir für die Zeit, die du dir genommen hast. Es hat Spaß gemacht, und hoffentlich lässt du uns mal wissen, wie es sich dein eBook-Experiment entwickelt hat, und natürlich viel Erfolg mit deinem Buch! 

Sebastian Brück 
Werde ich machen! Vielen Dank an dich! Hat mir ebenfalls Spaß gemacht! 

INFO ZUM BUCH 
Genre: Erzählung
Verlag: Tag & Nacht
ISBN: 978-3442830077
Seiten: 192
Preis:  Ab 12.99 €
Paperback
Hörbuch CD
Hörbuch Dowload

INHALT:
Pointiert und umwerfend komisch erzählt der Radiomoderator und Musiker Danko Rabrenovic – für seine Fans „der Balkanizer“ – seine Geschichte(n) als Migrant in Deutschland und klärt über die kulturellen Gegensätze zwischen Deutschen und „Jugos“ auf: Warum bestehen Deutsche im Restaurant darauf, getrennt zu zahlen? Werden „Jugos" als Romablasmusik-Fans geboren? Warum schimpft man auf dem Balkan genitalfixiert und in Deutschland analfixiert? Was ist ein Gastarbeiter-Spagat? Und ganz nebenbei entknotet er herrlich selbstironisch und amüsant das ex-jugoslawische Sprach- und Herkunftswirrwarr. Ein ebenso unterhaltsamer wie erhellender Bericht aus Deutschlands zweitgrößter Einwanderer-Community, der Deutschen und „Jugos“ schonungslos, aber mit einer guten Portion Humor den Spiegel vorhält. Quelle | Randomhouse

INFO ZUM BUCH 
Genre: Kurzgeschichten
Format: Kindl Edition
ASIN: B006PKFOF0
Normseiten: 42
Preis:  00.89 €
 
INHALT:
Monsieur Hess spielt Franzose: Ein frankophiler Büdchenbesitzer mit Louis de Funes-Vorliebe und unrealistischen Heiratsplänen, und wie seine Nachbarin und das Fußball-WM-Finale Frankreich-Italien sein Leben auf dem Kopf stellen.

Sofia auf dem Sand: Fußball am Strand, grüne Katzenaugen, und warum man für einen befreienden Toni-Schumacher-Abwurf einen Meter tief graben muss.

Der bosnische Goldfisch: Eine Fischtreppe am Rhein und wie ein vermeintlich illegaler Goldfisch, der nichts mit The Clash anfangen kann, eine „Should I stay or should I go to Sarajevo“-Entscheidung trifft.

Suchen unter Buchen: Ein Aussteiger-Onkel, der zum ersten Mal seit Jahrzehnten seinen Neffen einlädt. Und eine verstorbene Großmutter, deren letzter Wille erfüllt wird. Mitten im Wald, durch Pfifferlinge.

Sechs Kreuze für ein Trikot: Ein Lottospieler mit unglücklichen Glückszahlen, eine alte "Bekannte" mit neuen Portugiesisch-Kenntnissen, und wie das Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft eine Wende einleitet.
 

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