Ein Interview mit Leonie

10 Oktober 2012

Vor einer Woche durfte ich einen kleinen aber sehr bedeutenden Einblick in das Leben von Leonie erhaschen, denn ich bekam vom Wörterseh Verlag das Buch zur Rezension zugeschickt. Ein Buch welches mich tief beeindruckt und berührt hat. Leonie ist nicht erst heute eine junge und starke Frau, nur hat sie gelernt die Willenskraft aufs Leben zu fokussieren und ihre Sucht zu überwinden. Mit ihrem Buch Federleicht - Wenn Nichts glücklich macht, hat sich sicher nicht nur mich beeindruckt sondern in Zukunft noch viele andere.

Schon bevor ich das Buch gelesen hatte wusste ich, ich würde Leonie gerne befragen, befragen wie es ihr heute geht, was sie so macht, was sie beschäftigt und so kam das folgendes Interview, dank den lieben Mitarbeitern des Verlages, zustande.




ICH: Beginnen wir mit dem IST-Zustand. Wie geht es dir gerade, wo stehst du?

LEONIE: 
Ich fühle mich momentan so glücklich wie schon lange nicht mehr. Mein Buch, Federleicht ist nun seit dem 28. September im Buchhandel erhältlich und ich habe mir somit einen grossen Traum erfüllen können. Schon in dieser kurzen Zeit erhielt ich viele positive Anmerkungen zu meinem Buch, welches einigen Menschen bereits sehr geholfen haben soll. Und genau das war mein Ziel mit Federleicht. Nun endlich scheinen all die Jahre voller Verzweiflung und Hungern einen Sinn zu ergeben. Nun endlich kann ich langsam einen Schlussstrich ziehen…
Neben der Arbeit mit dem Buch befinde ich mich natürlich auch noch sehr viel über den Wolken. Meinem Traumberuf als Flugbegleiterin gehe ich nun seit etwas mehr als einem Jahr nach und möchte dies noch eine sehr lange Zeit tun. Diese Berufung ist für mich meine neue Leidenschaft und Lebensfreude geworden. Sobald ich die Uniform trage spüre ich in mir die neue Leonie, die Flugbegleiterin. Und in dieser Welt bleibt die Magersucht am Boden. In den Lüften fand ich mein neues Ich, kann essen und geniessen und lernte sogar meine engste Freunde dort kennen. 

ICH: Nach dem dein grösster Traum, der Beruf Flugbegleiterin, in Erfüllung gegangen ist, welchen grossen Traum hegst du zurzeit? Und was machst du, um diesen zu verwirklichen? Oder gibt es sonst ein Ziel das du zurzeit erreichen möchtest?

LEONIE: 
Vor zehn Jahren träumte ich davon, eine Prinzessin zu sein und eine Villa direkt am Meer zu besitzen. Vor fünf Jahren träumte ich von Selbstakzeptanz und Kontrolle. Ich träumte vom Abmagern. Heute träume ich von einer glücklichen und gesunden Familie. Ich möchte noch die ganze Welt bereisen, einen Mann kennen lernen, irgendwann heiraten und Kinder bekommen. In einigen Monaten möchte ich mich gerne für den Posten eines Senior Cabin Crew Members bewerben. Aber die wahren Träume sind die kleinen, schönen Dinge im Leben, welche durch die Gewohnheit leider viel zu oft und viel zu schnell vergessen gehen. Ein weiterer Traum von mir wäre es, mit Hilfe eines Arztes ein neues Therapie-Konzept zu kreieren. Um noch mehr Menschen, welche mit dieser Krankheit konfrontiert sind helfen zu können.

ICH: Am 8. Oktober 2009 sah das ja alles noch ganz anders aus. Was hat sich seit da verändert?

LEONIE: 
In diesen wenigen Jahren hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht. Damit meine ich nicht bloss den Alltag, sondern auch die gesamte Lebenseinstellung und auch meine Denkweise. Meine ganze Person. Im Jahre 2009 lebte ich als Ana. Das ist ein Name für die Magersucht, die für Betroffene als Person oder Freundin betrachtet wird. Als Ana lebte ich verschlossen in der Welt des Hungerns. Isoliert, zerstäubt, unglücklich, selbstzerstörerisch und vor allem auch blind meinem Umfeld gegenüber. Teilt man das Leben mit der Magersucht, dann gibt es eben nur doch sie. Und alles andere verliert an Wert. Heute, im Jahre 2012 bin ich ein anderer Mensch. Fröhlich, aufgeschlossen, reif, gläubig und besonders dankbar für meine Familie und das Leben. Ich arbeite als Flugbegleiterin, bin erwachsen und selbstständig geworden. Gewisse Charaktereigenschaften wie Zielstrebigkeit hab ich zum Glück nicht verloren, setze diese heute aber nicht mehr ein, um immer dünner, sondern um ganz gesund zuwerden. Was sich noch verändert hat? Ich bin ca. 13kg schwerer und konnte ein gesünderes Essverhalten entwickeln.

ICH: Als du dachtest du wirst sterben, die tiefe Verzweiflung, die muss ja kaum auszuhalten gewesen sein? Warum meinst du hat es damals nicht schon klick gemacht?

LEONIE: 
Ich denke nicht, dass ich damals im Stande war Gefühle von Angst wahr zu nehmen. An dem tiefsten Punkt angelangt, konnte mein Körper kaum noch denken oder fühlen. Jedoch ging mir das Erlebnis, dem Tod so nah zu sein, sehr tief ins Herz und in mein Bewusstsein. Das war der Auslöser dafür, dass  ich langsam akzeptieren konnte, dass ich krank war.

ICH: Hast du diese tiefe Verzweiflung noch oft danach gespürt? Empfindest du heute noch immer ab und an so? Wenn ja, was hilft dir diese dann zu bekämpfen?

LEONIE: 
Es gehört wohl zum Leben, dass man Höhen und Tiefen hat. Während der Therapiezeit lebte ich in einem permanenten Tief. Erst als ich gegen die Sucht ankämpfen wollte, lernte ich die guten und die schlechten Gefühle zu erkennen. Zu erkennen und zu beeinflussen. Heute lebe ich als ein sehr glücklicher Mensch, oft in einem Hoch meiner Gefühle. Natürlich kommen immer wieder kleine Tiefs in meinem Alltag. Meistens wenn ich mich nach dem Essen doch mal wieder schlecht fühle oder ich gerade besonders viel Stress im Alltag habe. Das Schwerste ist aber, der Kontakt mit magersüchtigen Mädchen. Dann muss ich mich gegen die Suchtgefühle besonders wehren. Dagegen helfen meist kleine Ablenkungsmanöver wie spazieren gehen, telefonieren und ganz klar, sich an die schlechten Zeiten erinnern. Und daran, wie gut es mir heute geht.

ICH: Empfandest du andere Menschen immer viel zu dick im Vergleich zu dir oder waren sie für dich immer total normal schlank? Nur du ebenen nicht? Das ging mir immer wieder durch den Kopf, als ich dein Buch las. Der Vergleich unter euch Magersüchtigen scheint ja funktioniert zu haben, ihr habt wahrgenommen wenn ihr oder die andere dünner ward.

LEONIE: 
Ich betrachtete mein Gegenüber immer als sehr normal. War jemand durchschnittlich gebaut, empfand  ich ihn als gesund. Nie als unattraktiv oder zu dick. Selbst wenn ich wusste, dass mein Körpergewicht niedriger war, als das eines anderen magersüchtigen Mädchens konnte ich mich nicht als dünn betrachten. Das Mädchen aber nahm ich als krankhaft untergewichtig wahr. Eine für die Anorexia Nervosa leider sehr übliche Sicht der Dinge.

ICH: Als ich gelesen habe, dass zur Therapie gehörte mit Gleichgesinnten zu essen dachte ich so bei mir... Was bringt das? Das fördert doch den Druck enorm noch weniger als die andere zu essen? Sollte man nicht das Essen so normal wie möglich gestalten?

LEONIE:  
Da bin ich sehr deiner Meinung! Ich selber kann mich heute noch nicht mit diesem Therapie Konzept anfreunden. Mir schadete der Aufenthalt in der Klinik mit Gleichgesinnten mehr als er geholfen hatte. Da das Bild eines gesunden Essverhaltens ohnehin sehr verschoben ist, braucht man einen gesunden Vergleich. Später als ich dann Zuhause und bei der Arbeit wieder mit einem gesunden Umfeld konfrontiert wurde, konnte ich mich so am Normalen orientieren. Man lernt somit wieder, welche Essportionen gut sind und dass das Essen etwas sehr Schönes ist. Und zudem auch einen ganz wichtigen, sozialen Aspekt hat.

ICH: Der ganze Lebensinhalt einer Anorexie nervosa Patientin besteht darin Ausreden zu erfinden, zu lügen, zu überlegen wie man die wenigen Kalorien los wird die man eingenommen hat, welche Tricks es gibt um das auch noch zu fördern, dem Druck der Anderen auszuweichen und noch vieles mehr. Wie bekamst du all das raus? Hast du gegoogelt, Bücher gelesen oder dich mit Anderen ausgetauscht?

LEONIE: 
Ja und Nein. Die Magersucht hat ein sehr typisches Krankheitsbild welches eine betroffene Person sehr oft von alleine entwickelt. Es hat mich immer und immer wieder erstaunt, wie exakt gleich die anderen magersüchtigen Mädchen und ich waren. Wir dachten dasselbe, hatten dieselben Tricks und Methoden entwickelt. Man wächst unbewusst rein und erst später merkt man, was man für einen merkwürdigen Lebensstiel angenommen hat. Es ist aber auch so, dass man sich automatisch mit dem Thema Essstörungen auseinandersetzt. Ich war nie auf „Pro Ana“ Websites und suchte mir dort Diät Tricks raus. Aber ich las viel über diese Krankheit nach um etwas über die Anorexia nervosa zu erfahren. Leider aber befassen sich die meisten Magersüchtigen mit den „Tipps und Tricks“ im Internet.

ICH: Aber der ganze Tag besteht vor allem aus Angst, Scham und schlechtem Gewissen. Es bleibt wirklich nicht mehr viel Platz für anderes. Wie sieht es jetzt bei dir aus, seit einem Jahr bist du in ein neues Leben eingetreten, hast deinen Traumberuf gefunden und bist wieder zu Hause. Vor was hast du zurzeit am meisten Angst? Hast du noch immer Schuldgefühle und empfindest du noch immer Scham? 

LEONIE: 
Heute lebe ich tatsächlich ein ganz neues Leben!:-) Und das empfinde ich als herrlich! Mein Tag ist absolut nicht mehr von der Magersucht geprägt. Ja, sie ist noch irgendwo im Kopf und wenn es mir nicht besonders gut geht, kommen die Gedanken wieder hoch. Aber immer nur kurz. Mein heutiger Alltag bietet so viel Platz für Lachen und Leben. Das muss ich noch immer etwas nachholen. Ich freue mich jeden Tag zur Arbeit gehen, abheben, fliegen zu können! In dieser Firma lernte ich meine engsten Freunde kennen, welche mein Leben ebenfalls sehr versüssen. Dazu achte ich auf abwechslungsreiche Tage. Sei es mal einen gemütlichen Tag mit Freunden oder einen kurzen Jogging-Rundgang mit meinem Hündchen. Ich kann mich nun wieder auf die Familie und mich, das heisstdie neue Leonie konzentrieren. Und selbstverständlich einen ganz wichtigen und neuen Punkt in meinem Leben, auf das Buch – Federleicht.

ICH: Du schreibst im Buch, dass man Magersüchtige nie auf ihr Gewicht oder Essen ansprechen soll, was aber nun wirklich nicht einfach ist, einfach weil einem das als Erstes ja ins Auge springt. Ich weiss aus Erfahrung aber, dass du recht hast, aber was würdest du denn jemandem raten, der mit dem
Thema konfrontiert ist. Einfach ignorieren?

LEONIE: 
Ja, es ist sehr schwierig mit einer magersüchtigen Person zu reden. Da spielt der Charakter schon auch noch eine Rolle. Es ist ganz wichtig, dass man die Betroffenen darauf anspricht, dass sie zu dünn aussehen, dass sie sich unbedingt Hilfe suchen sollte. In der Therapiephase, wenn das Mädchen am aufbauen ist, sind Komplimente oder Fragen zum Gewicht ganz klar fehl am Platz. Bekommt man in der Therapie Phase ein Kompliment, bezieht sich das natürlich auf das Gewicht. Und gut aussehen heisst auch, zugenommen zu haben. Aber ein Aussenstehender soll sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, welche Worte die richtigen und welche die falschen sind. Abgemagerte Menschen sehen nicht schön aus und das sollen sie auch so zuhören bekommen.

ICH: Als ich die Stelle las wo du den Anruf wegen deiner Stelle als Flugbegleiterin bekommen hast war ich wirklich sehr ergriffen. Wie muss es denn für dich gewesen sein! Kannst du dieses Hochgefühl noch hervorholen wenn es dir mal ganz schlecht geht? Oder hast du inzwischen gute andere Mechanismen erarbeitet um nicht mehr all zu tief zu fallen?

LEONIE: 
Dies war ein Moment, welchen ich nie wieder vergessen werde. Um ehrlich zu sein, habe ich mit dieser Zusage nie im Leben gerechnet. Ich war noch viel zu dünn, zu scheu, zu unerfahren und zu jung. Doch das Schicksal hatte an diesem Tag seine Kräfte wirken lassen. Als ich im Zug den Anruf meiner Vorgesetzten erhielt und erfuhr, dass ich die Stelle bekomme - das ist unvergesslich und wunderschön. Ja, diese Gefühle kann ich jederzeit wieder hervorrufen und kann dann manchmal noch immer nicht fassen, dass sich dieser Traum erfüllt hat.

ICH: Ich bewundere dich, deinen Willen, deine Kraft! Ich weiss, von Magersucht ist man nie wirklich geheilt. Man muss immer aufpassen, doch ich hoffe von ganzem Herzen, dass du immer wieder die Kraft haben wirst dem Giftzwerg die kalte Schulter zu zeigen.

Möchtest du zum Abschluss noch etwas los werden. Einen Rat, einen Gedanken...

LEONIE: 
Vielen Dank für die interessante Auseinandersetzung. Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, dass du dich mit meinem Buch auseinandergesetzt hast und eine Rezension darüber geschrieben hast. Ja, dieser Giftzwerg sitzt noch auf der Schulter. Aber er verschwindet oft und zeigt nun endlich sein wahres Gesicht. Nun endlich erkenne ich das wahre Leben, die Menschen um mich herum und dass das Leben so schön sein kann – und man es nutzen sollte... In meinem Buch können sich viele Menschen wiederfinden. Seien es Betroffene, Eltern, Freude, Lehrer… Ich möchte sagen: Lernt aus meinen Fehlern und macht es besser. Setzt euch Ziele vor Augen und entscheidet euch wofür ihr wirklich leben wollt. Haltet zusammen und bleibt stark!

ICH: Ich bedanke mich ganz herzlich, dass du mir gestattet hast ein Intewiev mit dir zu führen, es war mir eine Freude.

LEONIE: 
Ich wünsche auch dir von Herzen nur das Beste! Leonie



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