Interview mit Bodo Lampe zu seinem Roman "Trojaner"

06 Februar 2012

© Bodo Lampe
 Bodo Lampe über sich selber...
Ich schreibe eigentlich schon immer, ich schätze seit ich ungefähr 10 bin. Zuerst Tagebücher, kleine Geschichten, Beobachtungen, auch philosophische Sachen. Aber richtig professionell mache ich es erst seit ungefähr 15 Jahren, seit ich aus der Wissenschaft ausgeschieden bin. Bis ich 40 war, habe ich als Physiker in der Forschung gearbeitet, und bin dann in die Informatikindustrie gewechselt.

Alexandra Künzler
Oh, das ist ja ne ganz andere Richtung. Erst etwas kopflastiges und jetzt etwas fürs Gemüht. Vermisst du deine Arbeit als Wissenschaftler nicht?

Bodo Lampe
Ja, ich bin da etwas gespalten. Meine jetzige Arbeit ist ein reiner Brotberuf; dafür kann ich meine Freizeit zum Schreiben verwenden, während man die Wissenschaft mit Haut und Haar betreiben muss, so dass mir zum Romane schreiben damals keine Zeit blieb.

Alexandra Künzler
Was war denn der ausschlaggebende Impuls für den Roman Trojaner?

Bodo Lampe
Das hat sich alles so entwickelt. Eigentlich geht mein ganzes Schreiben auf diesen Roman hin ein einziger großer Roman. Ich habe mit Kurzgeschichten angefangen, das waren - im Nachhinein betrachtet - aber nur Fingerübungen, nicht alle gelungen und bin dann zu längeren Texten gekommen, und irgendwann hatte ich das Gefühl, ich will etwas Längeres schreiben, etwas wirklich Bedeutsames schreiben, etwas, das irgendwie alles enthält, die Gegenwart und alle Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, und daraus ist dann dieser Roman entstandengeworden. 
Ich möchte noch hinzufügen: ein wichtiger Impuls für mein Schreiben ist Angst. Die Angst, nach dem Tod vergessen zu werden, dass all mein Schaffen vergeblich gewesen ist, und gegen diese Angst schreibe ich an.

Alexandra Künzler
Du sagst selber das dein Roman als experimental betrachen muss, was muss mann denn unter Experimentalroman verstehen? Ist der Roman nur für eine bestimmte Zielgruppe geeignet?

Bodo Lampe
Er wird niemals eine sehr große Leserschaft haben, so viel ist sicher, weil einige Abschnitte schwer zu lesen und zu verstehen sind, allein von der Sprache her; aber eine bestimmte Zielgruppe lässt sich auf der anderen Seite auch nicht benennen.

Alexandra Künzler
Wenn du sagst es sind all deine Erfahrungen darin erhalten, ist er ja sicher auch bis zu einem Teil biographisch, also auch sehr wissenschaftlich? Meinst du das mit schwer zu verstehen?

Bodo Lampe
Nein, um Wissenschaft geht es eigentlich kaum. Biografische Elemente sind sicherlich enthalten. Um etwas konkreter zu werden: der ganze Roman spielt an einem einzigen Tag, aber dieser Tag ist eine Allegorie auf ein ganzes Leben. Das heißt der Roman fängt morgens an mit einer Art Geburt, und die Protagonisten in der ersten Hälfte sind vorrangig junge Leute, ein paar Schüler, die einen Vormittag an der Schule erleben, mit Schulstunden und Konflikten, die sprachlich experimentell verarbeitet sind, während nachmittags und abends geht es hauptsächlich um Leute im mittleren Alter.

Alexandra Künzler
Hast du den Roman bewusst in 2 Teilen heraus gebracht? Oder war das mehr Zufall?

Bodo Lampe
Ich habe ihn inzwischen so umgebaut, dass die beiden Teile ineinander greifen, und man nicht wirklich von 2 Teilen reden kann. Zum Beispiel gibt es im zweiten Teil ein Kapitel, in dem die Schüler abends eine Party feiern, und im ersten Teil läuft einer der Mittvierziger durch die Stadt und überdenkt sein Leben.

Ursprünglich gab es übrigenseigentlich nur die Idee für den 2. Teil, wo etwas gesetztere Leute sich abends an einem Stammtisch treffen, und ihre Probleme besprechen. Aber das hat sich dann immer weiter ausgeweitet. Diese älteren Leute sind zum Teil die Eltern und Lehrer der Schüler, so dass es viele Verbindungspunkte gibt. Ich kann auch nicht sagen, dass der Roman schon endgültig fertig ist. Es wird sicher noch etwas dazukommen.

Alexandra Künzler
Also ein Roman, der mit dir mit lebt, so zu sagen!?

Bodo Lampe
Eine never-ending story, ja.

Alexandra Künzler
Was liegt dir denn ganz besonders am Herzen was dieses Buch angeht?

Bodo Lampe
Ich habe mehrere andere Projekte dafür zurückgestellt, weil ich mir gedacht habe, Trojaner - das muss es jetzt sein. Andere Ideen habe ich eingearbeitet, zum Beispiel Rückblenden über eine Liebesbeziehung oder Zukunftsvisionen oder surreale Rauschgifterfahrungen. Wichtig ist mir dabei immer, dass der sprachliche Stil nicht konventionell ist, sondern dass ich etwas ausprobiere, und zwar in jedem Kapitel auf andere Art, so dass jedes einen besonderen, charakteristischen ‚Sound‘ bekommen hat. Ich denke, konventionelle Romane gibt es genug, und zwar auch sehr gute, mit denen ich vom Stil gar nicht konkurrieren könnte. Bei mir gibt es schon auch Abschnitte, die im gewöhnlichen Sinn als gelungen, witzig oder unterhaltsam bezeichnet werden können, aber das Gewicht liegt eindeutig auf Elementen, die beim ersten und vielleicht auch beim zweiten Lesen völlig unverständlich erscheinensind, weil sie gar nicht in einer bekannten Sprache verfasst sind. - Nur das lateinische Alphabet, das benutze ich meistens.

Vom Inhalt her gibt es durchaus Insgesamt gibt es aber schon einen roten Faden, den man verstehen kann, wenn man sich mit dem Text länger beschäftigt: (Doppelpunkt, und kein Absatz hier) Im Kern geht es um eine Familie: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, was die in der Moderne oder Postmoderne erleben oder wichtig finden, wie die sich an der Wirklichkeit reiben oder sich mit ihr arrangieren.

Das ist es dann vielleicht auch, was mir am Herzen liegt: dass ich diese Sichtweise der Welt, die ich habe, anderen zugänglich machen will. Denn auch wenn das die Textealles schwierig zu lesen ist, geht es mir natürlich schon auch darum, gehört zu werden.

Alexandra Künzler
So wie du das Buch beschreibst ist für jeden etwas dabei, also jeder ist entweder Sohn oder Mutter, Vater oder Tochter, doch es scheint mir nicht einfach zu sein sich mit den Protagonisten zu identifizieren. Im Allgemeinen scheint mir das Buch keins zu sein das man einfach mal so durch liest sondern eben zum denken anregt. Was ja nicht schlecht ist. Besteht aber nicht die Gefahr das die meisten Leser dann das Buch zu früh aus den Händen legen weil es einfach zu schwer zu lesen ist? Könntest du es verstehen wenn das passieren würde...?

Bodo Lampe
Ja, das ist natürlich eine mögliche Reaktion. Es ist halt keine Unterhaltungslektüre, und man muss sich, glaube ich, schon viel Zeit nehmen.

Alexandra Künzler
Beschreibe dein Buch in einem Satz.

Bodo Lampe
E Lite hohley.
So war eigentlich der Titel des zweiten Teils, der ja zuerst ein eigenständiger Roman werden sollte. Dieses Wortgebilde hat etwas mit Licht und Leere zu tun.

Alexandra Künzler
Interessante Entwicklung.
Bist du an einem neuen Buch dran?

Bodo Lampe
Ich möchte mich korrigieren. Für den Gesamttext vielleicht doch keine gute Beschreibung, sondern: es geht in dem Roman um Stadtbewohner (Trojaner), die ihr Leben leben.

Ich bin dabei, die Trojaner um weitere Abschnitte zu ergänzen möchte den Roman um weitere Abschnitte ergänzen: um die Zukunftsaussichten einer Beziehung zwischen zwei der Hauptfiguren (geschrieben als Futur-Konditionalform), um Gedanken, Empfindungen und pubertäre Konkurrenzkämpfe angesichts eines Sternenhimmels auf einer Dachterasse, und vielleicht um ein Ende, in dem der Tod einer Figur eine Rolle spielt.

Alexandra Künzler
Klingt so als hättest du das schon einiges im Kopf wie es weiter gehen soll, also nicht nur so eine Ahnung wie es sein könnte.

Bodo Lampe
Das stimmt. Andererseits ist der Roman, so wie er jetzt existiert, für sich bereits abgeschlosseneine abgeschlossene Sache, das heißt er ist zu Ende geführt und man kann ihn verstehen, ohne diese Zusatzkapitel. Daher habe ich ihn veröffentlicht.

Alexandra Künzler
Also würde es auf einen Mehrteiler oder zumindest einen 2teiler heraus laufen.

Bodo Lampe
Ich weiß nicht, ob du den Mann ohne Eigenschaften kennst, von Musil. Da gibt es vom Verlag einen autorisierten Hauptband, und dazu noch einen zweiten Band mit Kapiteln, die Musil nicht in seinem Haupthandlungsstrang untergebracht hat. So ähnlich ist es auch bei mir, nur dass ich versuche, so viel wie möglich in die Gesamterzählung einzubauen, so dass es letztlich doch bei einem Einteiler bleibt.

Alexandra Künzler
Nein, ich muss gestehen ich kenn weder den Autor noch eben das besagte Buch. Aber ich verstehe was du meinst.

Bodo Lampe
Der Roman hat jetzt etwas über 1000 Seiten. Ein Problem ist natürlich, dass man in Buchform nicht beliebig dicke Bücher drucken kann. Bei den Dateien auf eBook's, die man in Zukunft haben wird, gibt es so eine Beschränkung ja nicht mehr.

Alexandra Künzler
Stimmt, da haben eBook's ihre Vorteile. Heisst dass, das du dir überlegst das nächste mal ein eBook raus zu geben?

Bodo Lampe
Ja, genau. Man kann auch jetzt schon meinen Roman als pdf-Datei im Internet herunterladen, von meiner Homepage bodolampe.de

Alexandra Künzler
Also bist du offen für das neue Medium.

Ich persönlich war ja bis vor kurzem auf Kriegsfuss mit dem eBook, aber das hat sich inzwischen geändert.

Bodo Lampe
Vom Lesen her ist das natürlich auch nicht so schön wie ein richtiges Buch in der Hand zu halten. Aber ich glaube, das ändert sich, wenn sich die Technik weiterentwickelt. Ich sehe das dann als große Chance, gerade für Stoffe, die nicht so viele Leser haben und wo sich die Verlage zweimal überlegen, bevor sie es drucken.

Alexandra Künzler
Das kommt dazu ja. Ich drück dir auf alle Fälle die Daumen für dein weiteres Schaffen und viel Erfolg für dein Buch Trojaner!

Bodo Lampe
Danke, Alexandra.

Alexandra Künzler
Hast du noch ein Anliegen oder eine Frage an die Leser meines Blogs?

Bodo Lampe
Auf jeden Fall finde ich deinen Blog sehr gut gemacht, mit all den Infos über die Bücher, die du empfiehlst.

Alexandra Künzler
Danke für dein Kompliment, das freut mich natürlich sehr. Ich bedanke mich für die Zeit die du dir genommen hast um mit mir dieses Interview zu machen und es hat mich gefreut.




Info zum Buch
Verlag: Bod
Format: Paperback
ISBN: 978-3-8391-8031-0
Seiten:
700
Preis: 59 €
KLAPPENTEXT:
Der Roman TROJANER spielt an einem schwülwarmen Sommertag in Hamburg. Er stellt das Alltagsleben verschiedener Stadtbewohner dar, mit seinen täglichen Spannungen, den Konflikten an einer Schule, in einem Wirtshaus und zwischen den Geschlechtern. Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Sprache, auf sprachlichen Figuren und sprachlichen Experimenten. 


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