Zu Ende denken
Können, wollen wir das?

25 September 2013


Thema

Zu Ende denken...

Kann das der Mensch? Ist er wirklich dazu geschaffen alles bis zur letzten Konsequenz zu Ende zu denken? Es gibt Dinge, Bereiche, Situationen wo man das nicht kann, einfach weil wir nicht alle Variablen kennen, zu wenig über etwas wissen, oder wir einfach nicht die Kapazitäten haben. Und doch versuchen wir es. Ausser wenn es um unser eigenes Ende geht. Unser sterben, unser Tod. Hier wollen wir meistens nicht zu Ende denken.

Und doch, mich begleitet dieses Thema schon sehr früh und die damit verbunden Gedanken. Denn ich wurde schon als kleines Kind mit dem Thema konfrontiert.

Meine Mutter war sehr jung als sie erkrankte. Ich war noch zu klein, am Anfang, um davon etwas mit zu bekommen. Aber je älter ich wurde, je mehr wurde mir bewusst das etwas mit meiner Mutter nicht stimmte. Nur keiner wusste so recht was. Auch die Ärzte nicht, sie wurde behandelt, 7 Jahre ohne Erfolg bis dann mal ein Arzt auf die Idee kam, ein Bild vom Kopf meiner Mutter zu machen. Diagnose; Hirntumor. Es folgen Angst, OP, Kampf und Hoffnung. Bis nach 4 Jahren diese Hoffnung zerbrach, denn er war wieder da, der Tumor. An der selben Stelle. Meine Mutter wollte damals die 2. OP nicht mehr. Nicht nur weil diese OP vor nun 28 Jahren sehr invasiev war, nein, ich denke, weil sie wusste das sie bald sterben würde und die verbleibende Zeit noch mit uns verbringen wollte. Doch wie die Menschen nun mal sind, egoistisch, meinten ihre Eltern und auch ihr Mann und mein Vater, sie habe schliesslich Kinder, das wäre sie uns schuldig. Und genau diese Schuldzuweisung hat gefruchtet und meine Mutter begab sich noch mal auf den OP-Tisch. Mit der Konsequenz das sie danach wieder nicht mehr kommunizieren konnte. Denn weder sprechen, schreiben oder sonst was in der Richtung klappte, denn der Tumor lag im Sprachzentrum, wieder. Es begannen die üblichen Schritte, Reha, Logopädie, hoffen und bangen. 4 Wochen dauerte es bis meine Mutter erneut einen Tumor hatte. Sie wurde in ein Krankenhaus verlegt um zu sterben. Ich konnte sie nicht mehr sprechen, und hab sie auch nie mehr wach gesehen. 6 Monate dauerte dies, bis sie endlich gehen durfte. Ich habe noch nie einen Menschen so schnell altern sehn. Innert Wochen bekam meine Mutter vollends graue Haare, sie wurde alt, ihre Haut war die einer alten Frau, dünn, grau, faltig. Sie war grade mal 33!! Und sie lag im Koma. Ich ging jeden Tag nach der Schule auf besuch. Bis ich eines Tages mal nicht mehr konnte, keine Kraft hatte... Nur einmal kein Besuch, und in dieser Nacht verstarb sie. Ich war 13. 

Ich will das für mich nicht. Ich wünscht mir das ich einschlafe und nie mehr aufwache, oder mich ein plötzlicher Tod ereilt. Doch ich weiss das dies nur wenigen so widerfährt. Das zu Ende denken tut weh... Mir auf alle Fälle. Mit loslassen hab ich sonst nicht sooo probleme aber wenn es ums eigene Leben geht ist das was anderes. Ich will das mein Mann zuerst stirbt, einfach weil ich ihn vor dem Verlust bewahren möchte. Und meine Kinder, gut sie sind jetzt dann alle erwachsen, denen will ich es auch so lange wie Möglich ersparen, doch es wird wohl unweigerlich so kommen das ich vor ihnen sterbe, hoff ich. Ich fand es immer schon schlimm mir vor zu stelle wie schwer es für meine Mutter damals gewesen sein muss zu wissen das sie uns zurück lassen muss, noch so klein. Meine sind wenigstens alle Gross. Und haben noch meinen Mann als Vater.

Ich will einfach nicht dahin siechen. Ich will gehen können wenn ich nicht mehr bei Verstand bin, wenn nichts mehr zu machen ist, wenn meine Organe noch gesund sind um wenigstens dann anderen noch damit helfen zu können. Keine lebensverlängernden Massnahmen, ich will noch fähig sein zu kommunizieren.

Bis dahin möchte ich einfach noch einige schöne Jahre mit meinem Mann verbringen können. Sehen wie die Kinder ihren Weg finden und gehen. Liebe zu geben... Und noch einiges zu lerne und schöne Stunden mit Freunden verbringen. Aber was ich mir für mein Ende vor allem wünsche ist, nicht allein zu sein, im Kreis meiner Liebsten die letzte Zeit verbringen zu können, ohne Angst und Trauer. Nicht des Abschieds beraubt zu werden, so zu gehen wie ich es mir wünsche...  




Meine Meinung


Das Cover und der Titel sind schlicht und doch sehr Aussage kräftig. Mir gefällt die abgelaufene Sanduhr da sehr gut.

Das Thema welches in diesem Buch vorkommt ist sicher kein einfaches, denn in diesem Bereich ist der Mensch ganz besonders begabt zu verdrängen. Was, wie ich finde, legitim ist. Wir Menschen sind in dem Bereich eben auch triebgesteuert, auf Arterhaltung. Und unser Ego spielt hier sicher auch noch eine wehsentliche Rolle. Wer möchte sich denn bitte das Ende vorstellen. Je jünger man ist, je weniger denkt man an den eigenen Tod, ausser man wird schon früh damit konfrontiert. Und doch gibt es Kulturen in denen der Tod kein Tabuthema ist, so wie bei uns in der westlichen Kultur. Wann hat es eigentlich hier begonnen das der Tod nicht mehr zum Alltag gehört? Das muss schon sehr lange zurück liegen. Und die Medizin bringt auch schon sehr viel zustande das wir immer später daran denken müssen. Unser Zugang zum Tod ist so von Angst besessen das wir, nicht Mal wenn er eintritt, wirklich darüber reden können oder wollen. Wir wissen einfach nicht was wir sagen sollen. Dies fand ich als Kind schon so schlimm. Man wird einfach alleine gelassen, mit all den Fragen, Gedanken, Gefühlen...

Doch Rebecca Panian und Elena Ibello denken da wie ich, es muss sich was ändern. Es ist wirklich an der Zeit das Thema aus dem dunklen Verliess zu lassen um es uns einfacher zu machen. Sterben oder der Tod wird etwas von seinem Schrecken verlieren wenn man ihn endlich mal betrachtet, ihn zulässt, man darüber redet, denn, egal ob wir ihn in den tiefsten Ecken unseres Bewusstsein vergraben, er ist da und er wird eines Tages vor uns stehen, uns anlächeln und die Hand reichen.

In diesem wunderbaren Buch kommen bekannte und auch unbekannte Schweizer zu Wort. Sie verrate uns ihre Gedanken zum Ende, ihrem Ende. Und das so offen und ehrlich, berührend und philosophisch, so verschieden wie Menschen nun mal sind. Auch für nicht Schweizer werden da die ein oder andere Persönlichkeit dabei sein die sie vielleicht aus den Medien kennen...

Pfarrer Sieber, Dimitri (Clown), Franz Hohler, Grilles Tschudi oder vielleicht sogar Nik Hartmann oder Kurt Aschbecher...

@ Gianni Pisano
Im Ganzen finden wir im Buch 48 Porträts von jung bis alt, die ihre Geschichten erzählen und einen ganz tiefen Einblick in ihre Seele gewähren. Dank des Photographen Gianni Pisano gibt es noch schöne s/w Aufnahmen der hier zu wortkommenden Personen.

Das Buch lät ein nach zu denken, überdenken, mit fühlen und sich über sein eigenes Ende Gedanken zu machen. Vielleicht regt es den ein oder anderen sogar an weiter zu gehen anstatt nur nach zu denken und nimmt, z.B. den Schritt einer Patientenverfügung in Angriff. Wer weiss!?

Ich kann das Buch auf alle Fälle jedem empfehlen. Vielleicht braucht man das ein oder andere mal ein Taschentuch, aber das sollte einen nicht abhalten dieses wunderbare Buch in die Hände zu nehmen.

Dies ist übrigens das Buch zur Doku; „Zu Ende leben“. In dem Buch kommen einige zu Wort die auch schon in der Doku zu sehen waren. Wer gerne mehr darüber wissen will kann sich hier den Trailer ansehen, oder direkt folgende Seite gehen. Zuendeleben.ch






Ich bedanke mich recht herzlich beim Wörterseh Verlag für dieses Rezensionsexemplar. 



Kommentare:

  1. zu ende denken... ich glaube, das wollen viele überhaupt nicht. das thema tod und sterben ist dermaßen tabuisiert, dass man kaum die möglichkeit bekommt, im täglichen leben "unbefangen" darüber zu sprechen. ich arbeite auf einer intensivstation, wo das sterben zu meinem arbeitsalltag gehört. dort sehe ich so häufig, dass weder patient, noch angehöriger sich je bis zum schluss mit der möglichkeit des sterbens auseinandergesetzt hat. wenn man, so wie du, genau weiß, was man möchte, oder was man nicht möchte, dann ist es meiner ansicht nach eine verpflichtung, dies genau zu definieren, schriftlich zu hinterlegen und nicht seiner geliebten familie die undankbare aufgabe zu übertragen, entscheidungen zu treffen, die sie überfordern. zu lebzeiten, so lange man sich gesund und leistungsfähig fühlt, hat fast jeder ein "komisches gefühl" dabei, ein patiententestament zu formulieren oder mit seinem partner oder seinen kindern zu unterhalten, wie man sich den letzten weg (und die wege dorthin) wünscht.

    abschied nehmen, loslassen, trauer leben und (er)leben - gehört zum leben dazu. beim einen früher, beim anderen später. aber man sollte eben auch die möglichkeiten geben, über diese themen zu sprechen. schnell wird oft, wenn sich die diskussion in diese richtung bewegt, gesagt: "ach, hört auf, darüber zu sprechen - das ist doch kein thema für ein familientreffen/einen geburtstag/so einen schönen sonnentag...". als ob man es herbeireden könnte. ;) gerne werden lustige geschichten über die verstorbene oma oder den toten onkel eduard erzählt, wenn es aber darum geht, WIE sie oder er gegangen ist, dann sucht man sich ein anderes gesprächsthema.

    schön, dass es immer wieder bücher gibt, die dies "zum thema machen". wahrscheinlich werden diese alle kein bestseller - man gerät schnell in eine bestimmte schublade, wenn man diese liest... ;)

    liebe grüße, niko

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  2. Hallo Niko,

    da gebedich dir völlig recht, man sollte es zu lebzeiten regeln und nicht die Entscheidung den Angehörigen überlassen. Egal wie sie zu dieser Entscheidung stehen. klar, man kann sie begründen, argumentieren, aber schlussendlich müssen sie es akzeptieren. Ich hätte meiner Mutter die Kraft gewünscht ihre Entscheidung gegen die 2. OP durch zu setzen. Sie, wir hätten eine bessere Zeit gehabt, die wenige die uns geblieben wäre.


    Mit Hilfe der Patientenorganisation sollte es auch nicht mehr so schwer sein, eine gute Verfügung formulieren zu können.


    Eines habe ich ganz sicher gelernt, aus den 3 Todesfällen die ich schon erleben musste, und alle 3 waren alles andere als gut verlaufen, also auch was das mit den Angehörigen und das drum herum angeht betrifft.


    Ich rede zu Hause offen über den Tod, wie ich es mir vorstelle, was ich möchte. Auch reden wir darüber wenn jemand stirbt, wie vor 10 Jahren eine Freund von uns, damals waren unsere Kinder 11 und 7. Wir haben es ihnen am Morgen gesagt, haben zusammen geweint, eine Kerze angezündet und unserem Freund unsere Wünsche zukommen lassen. Wie haben noch einige male darüber geredet.


    Ja, solche Bücher oder eben auch Dokumentationen sind wichtig und ich hoffe es werden einige dieses wunderbare Buch wirklich lesen.


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